Hamburger Fischmarkt 2009

Zimperlich durften die Gäste nicht sein

Zu drei tollen Tagen Festbetrieb hatte Aktives Todtmoos unter dem Motto "Fischkopp trifft auf Lebküchler" von Freitagmittag bis gestern Abend auf den Sparkassenvorplatz und in die Hauptstraße eingeladen. Der Hamburger Fischmarkt hatte Station in der Wehratalgemeinde gemacht und zog an allen drei Tagen Scharen von Besuchern in den Bann. Zimperlich durfte man allerdings nicht sein, um das berühmt-berüchtigte Verkaufsgebaren der Marktschreier von der Waterkant zu genießen.

Wenn man sich an den rauen, aber herzlichen Ton erst mal gewöhnt hatte, kam man so langsam auf den Geschmack, dass ziemlich ordinär manchmal auch ziemlich lustig sein kann. "Immer ran, hier werden Sie genauso beschissen wie nebenan", warb Aal-Hinnerk im Bärenbass lautstark um Kundschaft. Egal, ob man gemütlich ein Bier auf dem Sparkassenvorplatz schlürfte oder die zahlreichen Marktangebote längs der Hauptstraße erkundete: Von morgens bis abends entkam via Lautsprecher niemand dem Marktgeschrei. Die Preise an den Ständen waren erstaunlich niedrig. Für zehn Euro konnte man etwa einen großen Korb voll Obst abschleppen, das heißt, wenn man diesen Korb, den man als Dreingabe gratis bekam, überhaupt alleine tragen konnte.

Zu Höchstform lief Wurst-Herby am Samstagnachmittag bei der Versteigerung etlicher Riesensalamis auf, denn hier ging es schließlich um einen guten Zweck. Vor dem wortgewandten Marktschreier und seinen Würsten versammelte sich eine große Traube von Interessenten. Etliche ließen sich von den attraktiven Tiefpreisen zum Kauf verlocken, andere zögerten hingegen, vielleicht weil ihnen vor den unausweichlichen Verhandlungen mit Herby bange war, denn dessen Sprüche hatten es in sich. Da waren die Kinder schon mutiger, wohl auch, weil sich der Marktschreier, was das Probieren seiner Ware betraf, sehr großzügig zeigte. Insgesamt 100 Kilo brachte Herby wortgewaltig an den Mann oder die Frau. Den Erlös von 220 Euro wird Aktives Todtmoos zu gleichen Teilen dem Todtmooser Kindergarten, für die medizinische Behandlung des burkinischen Buben Zoul Bagui und für die Restaurierung des historischen Wegkreuzes in der Forsthausstraße spenden. Für letzteres sollen die Erlöse des Weinstandes von Aktives Todtmoos sowie aus dem Lebkuchen-Verkauf der Interessengemeinschaft der Familien Jehle und Böhm eingesetzt werden. Für die medizinische Behandlung von Zoul verkaufte Barbara Kaiser zahlreiche selbst gebackene Kuchen, eigene und solche, die Todtmooser Damen gespendet hatten.

Mehrere attraktive Veranstaltungsangebote der Marktschreier-Truppe mussten mangels Beteiligung ausfallen. Schade, denn so wird man niemals erfahren, wer der talentierteste Todtmooser Nachwuchsmarktschreier gewesen wäre oder wer sich beim Bierkrugstemmen am stärksten hervorgetan hätte. Auch die Suche nach dem besten der echten hanseatischen Markschreier vor Ort blieb ergebnislos, da die Nachfrage nach Stimmzetteln zu gering war. Hoch über dem Marktgeschehen wehten an einem Mast farbenprächtig eine Hexe und ein Fischkopf samt Flosse, die die Lebküchler und Bewohner des Hauses Sonnenbühl gebastelt hatten.

Ein Riesenerfolg sei der Fischmarkt 2009 gewesen, erklärten die Fischmarkt-Organisatoren Leni Faschian, Grit Hanus, Wilhelm Hottinger, Julia Malzacher und Roland Matt am späten Sonntagnachmittag. Man glaubt es ihnen gerne. Die örtlichen Geschäftsleute hätten deutlich mehr Umsatz verbuchen können als an allen anderen verkaufsoffenen Sonntagen, sagt Leni Faschian. Auch die Fischmarkt-Truppe war's zufrieden. Fischmarkt-Chef Thorsten Mey habe schon nachgefragt, ob man wiederkommen dürfe, berichtet Bernd Struck, stellvertretender Vorsitzender von Aktives Todtmoos. "Ich denke, dass wir mit dem Fischmarkt den Bekanntheitsgrad von Todtmoos wieder gesteigert haben", freute er sich.

Susanne Filz 27.7.2009  © Badische Zeitung






Die Todtmooser Fischerchöre

Bereits zum zweiten Mal machte der Hamburger Fischmarkt mit seinen Marktschreiern Station in Todtmoos. Als besonderes Zugpferd hatten die Organisatoren von Aktives Todtmoos zur Eröffnung den beliebten Chorleiter Gotthilf Fischer eingeladen, der aus den Anwesenden für eine halbe Stunde die Todtmooser Fischerchöre machte.

Kurz vor dem großen Auftritt war noch wenig von Volksmusik-Atmosphäre zu spüren – im Gegenteil. Der Platz vor der Sparkasse gehörte den Marktschreiern, die bekanntermaßen wenig zimperlich mit ihrer Stimme und mit ihren Konkurrenten umgehen. Zotige Sprüche, anzügliche Bemerkungen und gebrüllte Diskussionen waren ohne Pause zu hören. Zwei Hunde im Publikum ließen sich von der Stimmung inspirieren und lieferten sich ein ausgiebiges Wau-Duell.

Je mehr der Uhrzeiger sich jedoch der Ein-Uhr-Marke näherte, desto näher rückte vor allem das ältere Publikum dem Stand von Aal-Hinnerk, der später die Bühne für Gotthilf Fischer sein sollte. Todtmoos’ Bürgermeister Herbert Kiefer machte sich noch Sorgen wegen des wackeligen Geländers, immerhin ist der rüstige Chorleiter schon 81 Jahre alt. Der ignorierte den warnenden Hinweis lächelnd und hopste die Stufen hinauf wie ein Jüngling. Sein Publikum hatte sich ebenfalls in Positur gebracht. Einem Paar diente die Bild-Zeitung als Unterlage, so dass die Blumenrabatten vor der Sparkasse zur gemütlichen Sitzgelegenheit wurden. Kameras in allen Größen und Variationen wurden auf den agilen Dirigenten gerichtet, der sich das gerne gefallen ließ.

Mit dem ersten Ton hat er sein Publikum im Griff. Es wird aus voller Lunge mitgesungen, geschunkelt, sogar getanzt. Nur näher kommen, wie Fischer immer wieder aufforderte, wollten die meisten dann doch nicht. Aber auch aus der Distanz entfaltet der Routinier, dem man seine 81 Jahre wirklich nicht ansieht, seine volle Wirkung. Und er macht seinem Publikum Hoffnung. "Seitdem ihr jetzt singt, seht ihr schon zehn Jahre jünger aus."

Ob’s an der Gesellschaft der Marktschreier liegt – zotig kann Gotthilf Fischer auch: "Ich war als Sechsjähriger in meine Schulfreundin verliebt und wollte sie unbedingt heiraten. Als ich sie nach 40 Jahren wiedergetroffen habe, war ich Gott dankbar, dass ich es nicht getan habe. Und jetzt singen wir Lustig ist das Zigeunerleben". Oder: "Wir besuchen jetzt den Bundestag in Berlin: Alle Vögel sind schon da." Viele der Anwesenden sind erstaunlich textsicher, alle anderen bekommen einen Freibrief: "Lalala tut’s auch." Tja, dann. Es fällt so manche Hemmung. Eine Dame schunkelt mit ihrem Bierglas in der Hand heftig, aber gekonnt. Kein Tropfen Bier geht verloren, getrunken wird das kühle Blonde aber auch nicht – es fehlt einfach die Zeit, denn eine Pause legt Gotthilf Fischer in seinem 45-minütigen Auftritt nicht ein. Den Abschluss bildet – wie könnte es anders sein – der Gassenhauer "Ein Tag, so wunderschön wie heute". Da wird der Tonfall der Sänger womöglich noch ein wenig inbrünstiger als zuvor und mit dankbaren Blicken in den ausnahmsweise mal blauen Himmel verbunden. Die Marktschreier haben sich wie angekündigt während des gemeinsamen Singens zurückgehalten. Aber keine Minute nach dem Abgang von Gotthilf Fischer haben sie längst wieder das Kommando übernommen. Während der Star unten Autogramme schreibt, brüllt über ihm Hinnerk aus voller Kehle wieder sein "Aaaaleaaaleaaaale" in die Menge, die sich aber in der nächsten halbe Stunde nicht ablenken lässt.

25.7.09  © Badische Zeitung
































Mehr Fotos hier...